Warum wir jede freie Minute zustopfen
Schule ist voller Reize. Viele Kinder wechseln von einer Aktivität zur nächsten und sind es kaum noch gewohnt, einfach einmal nichts zu tun. Wenn eine Aufgabe beendet ist, kommt oft sofort die Frage: „Was soll ich jetzt machen?“
Dabei sind diese kleinen Momente dazwischen unglaublich wertvoll. Kinder brauchen nicht nur Bewegung, Austausch und Aktivität, sondern auch Gelegenheiten, ihre Gedanken schweifen zu lassen, zu malen, nachzudenken oder einfach einmal zur Ruhe zu kommen.
Dasselbe gilt für uns Lehrkräfte. Viele von uns haben verinnerlicht, dass jede freie Minute sinnvoll genutzt werden muss. Wenn die Klasse ruhig arbeitet, wandert der Blick schnell zum Stapel Hefte auf dem Pult, zu den Materialien für die nächste Stunde oder zu den Dingen, die heute scheinbar noch unbedingt erledigt werden müssen. Sich einfach einmal hinzusetzen, einen Schluck Wasser zu trinken und für einen Moment nichts zu tun, fühlt sich für viele fast falsch an.
Dabei sind genau diese kleinen Momente oft die einzigen Pausen, die wir während eines Schultages haben.
Stille bedeutet deshalb für mich nicht nur, dass es im Klassenraum leise ist. Stille bedeutet auch, dass wir Kindern und uns selbst erlauben, für einen kurzen Moment nichts leisten zu müssen.
Warum mehr nicht automatisch besser ist
Viele Lehrkräfte haben den Anspruch, ihren Schülerinnen und Schülern den bestmöglichen Unterricht zu bieten. Das ist etwas Wunderbares. Gleichzeitig führt dieser Anspruch oft dazu, dass wir immer noch etwas hinzufügen:
- noch ein Arbeitsblatt
- noch eine Differenzierung
- noch eine Methode
- noch eine Idee
Ich kenne das selbst.
Viele Jahre habe ich geglaubt, dass guter Unterricht vor allem davon lebt, immer neue Ideen zu haben. Also habe ich Arbeitsblätter überarbeitet, zusätzliche Materialien erstellt und Stunden immer weiter verfeinert. Dasselbe galt für meine Klassenräume. Neue Plakate, zusätzliche Materialien, Dekorationen und immer neue Ideen entstanden mit den besten Absichten.
Heute sehe ich das anders. Kinder müssen jeden Tag unzählige Reize verarbeiten. Ein überladener Klassenraum hilft dabei nicht. Ich frage mich deshalb viel häufiger, was wirklich sichtbar sein muss und was einfach nur zusätzliche Aufmerksamkeit fordert.
Weniger bedeutet nicht schlechter. Weniger bedeutet klarer, ruhiger und übersichtlicher.
Gleichzeitig habe ich mich gefragt, woran sich Kinder eigentlich erinnern. Irgendwann ist mir nämlich aufgefallen, dass die Kinder sich oft gar nicht an die Stunden erinnern, die ich am längsten vorbereitet habe. Sie erinnern sich an ein gutes Gespräch, an gemeinsame Erlebnisse und daran, wie sie sich in einer Klasse gefühlt haben.
Seitdem stelle ich mir häufiger die Frage: Was könnte eigentlich weg? Muss jede Stunde neu erfunden werden? Braucht jede Aufgabe eine aufwendige Gestaltung? Müssen wir wirklich alles machen, was theoretisch möglich wäre?
Entlastung entsteht deshalb nicht nur durch das, was wir hinzufügen. Sie entsteht auch durch das, was wir bewusst weglassen.
Warum gut völlig ausreicht
Dieser Gedanke fällt vielen Lehrkräften vermutlich am schwersten. Mir ging es jedenfalls lange so. Ich hatte oft das Gefühl, alles im Blick haben zu müssen. Jede Kleinigkeit sofort klären zu müssen. Jede Stunde möglichst perfekt vorbereiten zu müssen.
Heute frage ich mich häufiger: Reicht gut nicht längst aus?
- Wenn ich eine Elternmail schreibe, muss sie nicht perfekt formuliert sein. Sie sollte freundlich, klar und verständlich sein.
- Wenn eine Unterrichtsstunde solide läuft, muss sie nicht gleichzeitig die kreativste Stunde des Schuljahres sein.
- Wenn ein Konflikt auf dem Schulhof auftaucht, braucht er eine gute Lösung. Er braucht aber nicht immer sofort die perfekte Lösung.
Natürlich sollen wir unsere Arbeit weiterhin gut machen. Aber zwischen gut und perfekt liegt häufig sehr viel zusätzliche Energie. Manche E-Mails dürfen deshalb mittlerweile bis morgen warten. Manche Ideen müssen nicht sofort umgesetzt werden und manche Unterrichtsstunden dürfen einfach in Ordnung sein.
Gerade darin steckt für mich Vertrauen: das Vertrauen, dass wir auch dann gute Lehrkräfte sind, wenn nicht alles perfekt ist.
Kleine Schritte mit grosser Wirkung
Für mich ist genau das der Kern von SISUKAS.
Wir müssen nicht auf die eine grosse Lösung warten. Wir können heute beginnen:
- mit einer stillen Minute,
- mit einer Sache weniger auf unserer langen To-do-Liste
- oder mit dem Gedanken, dass gut völlig ausreicht.
Lehrergesundheit beginnt mitten im Schulvormittag, denn „A little is a lot.“