Nachteile und mögliche Gefahren
Selbstverständlich gibt es auch Gefahren durch die digitale Medien. Diese Aspekte treten dann verstärkt auf, wenn man für den Unterricht rein auf diese als Kommunikations- und Vermittlungsmedium setzt.
Gefühle, Geruch, Mimik und Gestik können durch digitale Medien nicht vermittelt werden. Doch diese Aspekte sind mindestens so wichtig wie das reine Sprachenlernen. Gruppendynamische Effekte fehlen ohne die soziale Präsenz von unterschiedlichen Charakteren in einem Raum und somit oft auch soziale Interaktionen und Kontakte. Auch die Präsenz der Teilnehmenden ist schwieriger zu fassen, wenn alle in ihre Geräte schauen. Präsenz kann nur durch aktives Mitwirken festgestellt werden. Doch ein gelungenes Lernen beansprucht auch passive Präsenzzeit, weil man vielleicht gerade nachdenkt oder etwas aufschreibt.
Die Abhängigkeit der Beteiligten von der Technik ist erhöht und man muss ständig neue Technologien evaluieren und in sie investieren. Somit nimmt der Ökonomisierungsgrad der Bildung rasant zu. Es werden viele Ressourcen (Zeit und Geld) in die neuen Medien gesteckt, die wiederum in anderen Bereichen fehlen. Lehrpersonen müssen sich ständig updaten und werden durch die neuen Medien zu Coaches „degradiert“.
Neue Medien eigenen sich schlecht für komplexe Themen. Zudem setzen sie ein Grundwissen und Fertigkeiten voraus, die von Lernungewohnten nicht erfüllt werden können. Weiter sind das Überangebot und die Flut an Informationen zum Teil irreführend. Es wird schwieriger, adäquate und richtige Quellen in nützlicher Zeit zu finden.
Was sind digitale bzw. neue Medien?
Definition
Als Medien werden in der Fremdsprachendidaktik alle Lehr- und Lernmittel, die als Informationsleiter dienen, verstanden (Storch, 2008, S. 271). Die oben erwähnten Entwicklungen haben in den letzten Jahren neue Begriffe hervorgebracht, wie zum Beispiel die Bezeichnungen „Neue Medien“, „Digitale Medien“, „E-Learning“ und „Webbasiertes Lernen“. „Virtuelles Lernen“ oder „Web 2.0“ sind kaum voneinander zu unterscheiden (Wicht, 2010, S. 172) und es gibt zahlreiche Definitionen dafür.
Eine aus meiner Sicht zusammenfassende und valable Definition kommt von Freudenstein, der die neuen Medien als Ergebnis der technologischen Entwicklung bezeichnet, die in Form von Computer, Smartphones und Tablets – mithilfe von Internet – die Informationsvermittlung bereitstellen und ein interaktives Lernen fördern (Freudenstein, 2007, S. 395).
Beispiele für neue Medien
Gemäss diesem Begriff zählen u. a. Internet, Smartphones, Erklär-Videos, E-Mail, WhatsApp oder sonstige Lern-Apps, Tablets, soziale Netzwerke wie Blogs, Wikis, Facebook, PowerPoint, eine Touchscreen-Tafel, Streaming-Kanäle und QR-Codes zu den Lernmedien. Mit Cloudlösungen wie OneDrive oder Dropbox tauschen und teilen BenutzerInnen Informationen oder bearbeiten gleichzeitig dasselbe Dokument.
Zeitliche Perspektive
Es soll auch erwähnt sein, dass die neuen Medien immer in der jeweiligen Zeit neu sind. Die zukünftigen neuen Medien werden bestimmt völlig anders aussehen und anderes können. In diesem Beitrag bin ich bewusst nicht auf die Entwicklungen eingegangen, die das menschliche Bewusstsein und die Aufnahmefähigkeit erweitern. Doch es werden zukünftig neue Medien auftauchen, die wir heute so gar nicht kennen. Ihre erweiterte Fähigkeit, grosse Datenmengen in kurzer Zeit aufzunehmen, zu analysieren und nützlich zur Verfügung zu stellen, können somit interessant fürs Lernen, speziell für das Fremdsprachenlernen, sein.
Wenn dies der Technik und der Wissenschaft gelingt, so könnte man z. B. je nach Gebrauch die Sprachspeicherbausteine austauschen und somit fremde Sprachen durch ein Medium entweder ables-, hör- und nachsprechbar oder gar über ein unter der Haut implantiertes Medium stärker nachempfindbar machen. Solche Entwicklungen werden einen disruptiven Einfluss auf die heute gängigen Lernformen haben.
Fazit
Die aktuellen Trends bringen neue Formen des Lernens hervor. Die zukünftigen Trends werden wiederum noch neuere Formen des Lernens hervorbringen, dessen wir uns heute gar nicht bewusst sind. Es ist wichtig, sich mit der Thematik „Neue Medien“ auseinanderzusetzen und die neuen Entwicklungen aufgrund vom didaktischen Nutzen kritisch zu hinterfragen.
Damit die erwähnten positiven Effekte auftreten, müssen die Institutionen die Rahmenbedingungen setzen und die Lehrenden offen für die Veränderungen sein. Die Medien sollen die Lernziele taxonomiegerecht unterstützen, und auch mit den neuen Medien muss der Unterricht seriös vorbereitet sein.
Im besten Fall sollten die Lernenden an der Unterrichtsentwicklung und -vermittlung durch die neuen Medien miteinbezogenen werden. Somit wird die Motivation gesteigert und die Lernautonomie gefördert.
Digitale Medien bieten auch die Möglichkeit, dass manchmal jüngere Lernende besser über etwas Bescheid wissen als die Lehrperson und es somit zu einem gegenseitigen Lernen voneinander kommen kann. Das stärkt mitunter eine gute Diskussionskultur, was nicht nur dem Sprachenlernen gut tut, sondern auch der Gesellschaft allgemein.
Damit die negativen Aspekte gemindert werden, ist eine behutsame Integration der neuen Medien zu verfolgen. Womöglich soll das „Blended Learning“ bevorzugt werden. Lernen war und ist eine Beziehungsgestaltung. Damit das so bleiben kann, müssen die neuen Medien Enabler sein und nicht Ökonomisierer.
Literaturverzeichnis
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