Kindergruppe liest Bücher
Leseförderung
Aktualisiert: 15.09.2020

Lesekompetenz von Jungen

Studien zeigen einen Unterschied in der Lesekompetenz von Jungen Mädchen. Benötigen wir mehr Leseförderung speziell für Jungen? Und wie könnte diese aussehen?
Bettina Kroker
Bettina Kroker
Online-Redakteurin

Unterschiede in der Lesekompetenz von Jungen und Mädchen

Die letzte PISA-Studie der OECD aus dem Jahr 2018 hat eindrücklich gezeigt, dass in Sachen Lesekompetenz deutliche Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern existieren. Nachdem der Unterschied 2015 im Durchschnitt 21 Punkte betrug, schnitten Mädchen 2018 um 26 Punkte besser ab als Jungen. Die mittlere Lesekompetenz von Jungen verringerte sich im Vergleich zu 2015 um 13 Punkte. 

Mehr Leseförderung speziell für Jungen ist nötig

In der PISA-Studie stand nicht nur die Fähigkeit flüssig zu lesen im Fokus, sondern auch, ob das Gelesene verstanden, eingeordnet und genutzt werden konnte. Kinder, denen das nicht möglich ist, haben es schwerer, schulisch und später beruflich erfolgreich zu sein. In manchen Situationen wirkt sich die mangelnde Lesekompetenz sogar einschränkend auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aus.

Junge liest in Leseecke
Übung macht den „Lese-Meister“, Quelle: Betzold

Genauso wie die naturwissenschaftlichen Fähigkeiten von Mädchen schon seit längerer Zeit gefördert werden, muss beim Thema Lesen spätestens nach diesen Erkenntnissen noch mehr auf Jungen eingegangen werden. Eine auf die Bedürfnisse der Jungen ausgerichtete Leseförderung ist nötig!

Die Basis wird in der Vorpubertät gelegt. Besonders wichtig ist eine Leseförderung deswegen in den Klassen 3 bis 6 der Primarschule und Sekundarstufe I. In dieser Zeit sollte besonders auf eine gendersensible Förderung geachtet werden. Während der Pubertät, wenn sich der sogenannte "Leseknick" bereits auswirkt, ist es oft schwieriger, einen Zugang zu den Jugendlichen zu finden.

Leseknick: Lesen steht bei vielen Jungs ab einem bestimmten Alter nicht mehr so hoch im Kurs

Vor allem im Alter von acht bis zwölf Jahren lässt sich ein regelrechter „Leseknick“ feststellen. Bei Mädchen setzt er allerdings erst später ein und wirkt sich deshalb auf die Lesekompetenz lange nicht so stark aus.

Mögliche Gründe für mangelnde Lesekompetenz bei Jungen

  • Fehlende männliche Lese-Vorbilder

    Aus der Sicht vieler Jungs sind Romane etwas für Mädchen: Nicht selten sind es in den Familien die Mütter, die ihnen vorlesen. Im Kindergarten werden die Geschichten meist von Erzieherinnen vermittelt und auch an den Primarschulen treffen sie eher auf Deutschlehrerinnen als auf männliche Pädagogen. Spätestens mit der Pubertät wollen sich viele Jungs von diesem vermeintlich weiblich besetzten Interesse abgrenzen. Hier sind die Väter, Onkel und Grossväter gefragt: Vorlesen, über Lieblingsbücher reden und Bücher schenken, die einem als Kind selbst gefallen haben!
  • Grössere Bedeutung anderer Interessen

    Ab einem gewissen Alter spielen Sport, Treffen mit Freunden Fernsehen, PC-oder Konsolenspiele bei vielen Jungs eine weit grössere Rolle als Lesen.
  • Geschlechterklischees

    Geschlechterklischees wie "Jungs sind besser in Mathe und Mädchen lesen besser und lieber" wirken wie selbsterfüllende Prophezeiungen (mehr dazu in einer im Februar 2020 veröffentlichten Studie von Wissenschaftlern der Universität Hamburg: "Beware of Stereotypes: Are Classmates’ Stereotypes Associated With Students’ Reading Outcomes?") 
  • Unterschiedliche Leseinteressen

    Wenn Jungen lesen, greifen sie gerne zu Zeitschriften, Comics, Artikeln, Sach- und Fachbüchern. Unter den Romanen sind actionreiche Abenteuer- und Heldengeschichten beliebt, meint Wolfgang Tischner, Erziehungswissenschaftler an der Technischen Hochschule Nürnberg (Quelle BR).
    Während Mädchen gerne Geschichten lesen, die sich kontinuierlich entwickeln und in die sie sich einfühlen können, kommen Jungen mehr mit Texten in Berührung, die bestimmte Informationen vermitteln wollen. So ist auch der grosse Vorsprung der Mädchen gerade beim Erfassen von Erzählungen und Argumentationen zu erklären, der ebenfalls in der PISA-Studie festgestellt wurde.
Junge und Mädchen lesen
Mädchen und Jungs haben unterschiedliche Leseinteressen, Quelle: Betzold

Die Kunst ist es, den Spagat zwischen einer spezifischen Förderung der Interessen der Jungen zu schaffen, ohne Gefahr zu laufen, Rollenklischees zu reproduzieren und sie gleichzeitig an Texte, wie Romane, heranzuführen, ohne die unterschiedlichen Neigungen der Geschlechter zu ignorieren.

Wer nicht gern liest, liest auch nicht viel. Und nur wer viel Übung im Lesen hat, versteht auch, was er liest und hat Spass daran. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, hilft nur üben! Am besten klappt das durch Trainingsvarianten des Lautlesens: Lautlesetandems, Lesetheater und wiederholtes und begleitendes laut lesen (repeated bzw. paired reading). Oder Sie holen einen "Vorlesehund" zu Besuch ins Klassenzimmer :)

Auch Audiostifte wie der Betzold Tellimero oder AnyBook Audiostift „Pro“ können die Lust am Lesenlernen steigern.

*Angebote gültig bis 21.06.2026. Nur solange der Vorrat reicht.

Lesemotivation: Die passenden Bücher für Jungen müssen her!

Schülergruppe mit Büchern
Mit dem richtigen Lesestoff macht Lesen Spass! Quelle: Betzold

Dazu eignet sich in erster Linie Literatur, für die sich Jungen begeistern können. Besonders beliebt sind spannende, aktionsgeladene, gruslige und humorvolle Bücher mit männlichen Helden (oder Antihelden, wie im Fall von „Gregs Tagebuch“).

Die Bücher sollten gleich von der ersten Seite an spannend und temporeich sein. So dass sie nur schwer aus der Hand gelegt werden können :)

Jungs fühlen sich in den Genres Abenteuer, Fantasy, Krimi, Sport und Science-Fiction wohl. Auch Comics stehen hoch im Kurs. Möglicherweise vorhandenen Dünkel gegenüber den mehr bild- als textreichen Heftchen sollten Sie über Bord werfen. Comics sind eine wunderbare „Leseeinstiegsdroge“. An der Realität orientierte Gesellschaftsromane, Geschichten über Beziehungen, Probleme und Liebe, wie sie in der Schule häufig gelesen werden, sind für viele Jungs uninteressant – ganz anders als für Mädchen.

Für Jungs sind Geschichten, die sie selbst beeinflussen können, besonders motivierend: In diesen Büchern muss nach einem Abschnitt eine Entscheidung getroffen werden, wie die Geschichte weitergehen soll.

So werden Bücher noch interessanter

Der Weg zum Buch kann gerade bei Jungen auch über andere Medien wie Film, Fernsehen oder Video- und Computerspiele gelingen. Die zahlreichen Buchadaptionen machen es möglich. Einmal gesehen oder gespielt, steigt das Interesse für die Handlung und die Charaktere – die Motivation zum Buch zu greifen wird höher. Das Gleiche gilt für Bücher zum Lieblingssport oder Biographien von Sportlern und anderen Idolen.

Auf der Seite „Boys & Books“ finden Sie zahlreiche Buchempfehlungen für Jungen zwischen 6 und 18 Jahren – sortiert nach Altersempfehlungen oder Genres.

Möglicherweise können Sie sogar Buchinhalte fächerübergreifend thematisieren: Werden in den Geschichten z.B. Fussballtricks beschrieben, können diese im Sportunterricht selbst ausprobiert werden oder es ergeben sich Parallelen zum naturwissenschaftlichen Unterricht, Geographie, Religion oder Musik. Hintergründe zu den Büchern werden in Sachbüchern oder über das Internet recherchiert.

Das Nachempfinden der Handlung in Rollenspielen und die Suche nach wissenschaftlichen Belegen und den Hintergründen macht das Buch gerade für Jungen noch interessanter.

Von der Einbeziehung verschiedener Medien wie Zeitschrift, Zeitung, Comic, Sachbuch, E-Book, Songtext oder Internetartikel und anderen Themen (Sport, Action, Technik, Weltraum) profitieren aber nicht nur die Jungs! Auch Mädchen, die sonst eher zu fiktionaler Literatur greifen, kommt der Kontakt zu anderen Textformen zugute.

Häufig gestellte Fragen zum Thema "Leseförderung von Jungen"

Was lesen Jungen gerne?

Jungen lesen gerne spannende, temporeiche Bücher. Besonders beliebt sind die Genres Abenteuer, Fantasy, Krimi, Sport und Science-Fiction. Anders als bei Mädchen, die gerne sich entwickelnde Geschichten lesen, stehen bei Jungs auch Zeitschriften, Artikel, Sach- und Fachbücher hoch im Kurs sowie Comics.

Warum lesen Mädchen mehr als Jungen?

Dafür, dass Jungen weniger lesen als Mädchen kann es verschiedene Gründe geben:

    • Fehlende männliche Lese-Vorbilder
    • Grössere Bedeutung anderer Interessen
    • Geschlechterklischees
    • Unterschiedliche Leseinteressen

Wie motiviert man Jungen zum Lesen?

Um Jungen zum Lesen zu motivieren, ist eine auf sie ausgerichtete Leseförderung wichtig. Diese sollte verstärkt während der Klassen 3 bis 6 greifen, um die Auswirkungen des Leseknicks möglichst gering zu halten. Männliche (Vor-)Lese-Vorbilder und Bücher, die den Leseinteressen der Jungen entsprechen, z.B. interaktive Bücher, Comics, Fachliteratur zu Hobbys oder Buchadaptionen von Filmen oder Computerspielen.

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Bettina Kroker
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Seit 2014 arbeite ich bei Betzold in Ellwangen als Online-Redakteurin. Im Betzold-Blog möchte ich Lehrerinnen und Lehrern den ein oder anderen Tipp weitergeben, der den Schulalltag erleichtert und Zeit spart. Da ich stets auf der Suche nach neuen, interessanten Blog-Themen bin, freue ich mich immer über Ihre Anregungen: